Verlorene Zeugen der Industriekultur

Auch in Mittelhessen ist in den vergangenen Jahrzehnten eine große Zahl von Objekten der Industriekultur  verloren gegangen oder soweit verändert worden, dass ihr ursprünglicher Bestand nicht mehr zu erkennen ist. Damit sind sie als Zeugnisse der Industrialisierung und des industrielllen Zeitalters verloren, oft ohne dass sie vorher fotografiert oder dokumentiert worden wären. Orte, an denen gearbeitet und produziert wurde, Orte, an denen viele Menschen der Region ihr gesamtes Berufsleben verbrachten, mit denen sich Hoffnungen, Existenzen und zumeist auch harte Arbeit verbanden, existieren nicht mehr. Gruben, Hütten oder Fabriken, Halden, Eisenbahnstrecken und Seilbahnen, die jahrzehntelang das Bild der Region bestimmten, sind oft fast ohne Spuren aus der Landschaft verschwunden.

Die Gründe für diese Verluste sind vielfältig. Gruben, deren Erzlager erschöpft waren, Hütten und Gießereien, die nicht mehr rentabel arbeiteten oder Fabriken, deren Produktionstechnik überholt waren und keinen gewinnbringenden Betrieb mehr zuließ, wurden aufgegeben. Obertägige Gebäude der Gruben mussten nach Betriebsende abgebrochen werden, Hütten und Fabrikgebäude wurden beseitigt, um Neuem Platz zu schaffen. Manches, was einfach stehengeblieben ist, war innerhalb weniger Jahre dem Verfall preisgeben, bis die Ruinen und Überreste als unansehnliche, wertlose Objekte abgeräumt wurden.

Den meisten dieser Verluste gemein ist, dass man den kulturellen Wert der Zeugnisse der Industriekultur nicht erkannte und der Gedanke, sie zu erhalten und zu bewahren vielen Menschen völlig fremd war. Zweckbestimmte technische Anlagen, die der bürgerlichen Ästhetik der Zeit nicht entsprachen, gehörten nicht zum "Wahren, Schönen, Guten", an denen man seine kulturellen Bedürfnisse orientierte.

Auch die Heimatschutzbewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat den Wert der Objekte der Industriekultur nicht oder nur in Ausnahmefällen gesehen, im Gegensatz etwa zu den Zeugnissen des bäuerlichen oder kleinbürgerlich-städtischen Lebens, die man als Volkskultur in den Blick nahm.