Haiger, Haigerer Hütte

Die Haigerer Hütte, zeitweise auch Leopoldhütte genannt, wurde 1856 an der Stelle eines alten herzoglich-nassauischen Domanialhammers als Eisenhütte gegründet.
1856 erwarb die Hütten-Aktiengesellschaft Leopold mit Sitz in Dortmund, die erst zwei Monate früher gegründet worden war, von den Brüdern Schramm den Eisenhammer. Zugleich ersuchten die neuen Eigner bei der Herzoglichen Landesregierung in Wiesbaden um die Konzession, den Eisenhammer in eine Eisenhütte umwandeln zu dürfen. Am 12. Februar 1856 genehmigte die Regierung Erbauung und Betrieb einer Eisenhütte an (der) Stelle des Eisenhammers bei Haiger, die Baugenehmigung lag am 2.4. Mai 1856 vor.
Nach Fertigstellung des Baus bestand die Hütte 1858 aus einer Eisenschmelzhütte, einem Maschinengebäude, einer Arbeiterwohnung, einem Möllerhaus, einer Radstube und Hofraum mit Möller- und Lagerplatz. Erster technischer Direktor der Hütte wurde Heinrich Weißgerber aus Dortmund. Er gliederte 1858 der Leopoldhütte eine Schlackenpoche an (Dillenburger Wochenblatt vom 24.11.1858).
Bald nach ihrer Eröffnung geriet die Hüttenaktiengesellschaft Leopold in wirtschaftliche Schwierigkeiten und musste Bankkredite aufnehmen. Zu den Problemen trug dabei sicherlich bei, dass sich die Fertigstellung der Gießen-Deutzer Eisenbahnlinie durch das Dilltall bis 1862 verzögerte, für ein en wirtschaftlichen Erfolg der Hütte aber unabdingbar war. 1859 musste die Hütte wegen Kohlenmangels ihren Betrieb für acht Monate einstellen. Zwei der Gründer der Hüttenaktiengesellschaft machten 1863 und 1864 bankrott, schließlich beantragte die Gesellschaft als Ganzes die Liquidation, die am 1. Oktober 1868 abgeschlossen war.
Im Rahmen der Liquidation ging die Leopoldhütte mit dem bebauten und unbebauten Grund und zahlreichen Gruben am 4. April 1868 an den Bankier Johann Carl Schemann aus Hamburg und den Rittergutsbesitzer Theodor Schulze-Dellwig in Sölde, zwei ehemalige Verwaltungsratsmitglieder der Gesellschaft über. Am 23. Oktober 1872 erwarb Schulze-Dellwig auch die Anteile Schemanns. Am 19. März 1873 verkaufte er die Hütte mit allem Zubehör und 44 Eisenstein- und Schwefelkiesgruben an den Siegener Bergwerksbesitzer Albert Wynne, der vorgeblich im Auftrag der Londoner Firma "The Leopold Hütte Iron Mining and Smeltging Company limited" handelte. Schließlich wurde aber Albert August Wynne, der vermutlich britischer Abstammung war, selbst als Eigentümer der "Dillthaler Hütte" eingetragen.
Betriebsdirektor der Leopoldhütte war seit April 1873 Friedrich Wilhelm Otto Heusler (1825-1890), der seit 1851 die Isabellenhütte leitete. Unter seiner Leitung wurde, vermutlich im Mai 1873, die Verhüttung des Eisenerzes auf Koks umgestellt, wie es der seitdem nachweisbare Bezug von Koks nahelegt. Nach einem Vertrag mit der Zeche Anna der Firma Albert Hüssener & Cie. in Altenessen bezog die Leopoldshütte im Mai 1873 100 Waggons Koks zu je 100 Zentnern, im Juni 1873 50 Waggons und vom Juli 1873 bis 30. Juni 1874 600 Waggons Koks, die möglichst gleichmäßig mit je 2 Waggons pro Arbeitstag durch die Cöln-Mindener bzw. Deutz-Gießener Eisenbahn angeliefert werden sollten.
Von den 44 eigenen Eisensteingruben im Dillgebiet, die das Erz auf die Leopoldhütte lieferten, sind nur die Gruben Antonsfund und Ludwigsberg in der Gemarkung Eibach bekannt. Nach einem Transportvertrag vom 1. März 1874 waren zwei Dillenburger Fuhrleute verpflichtet in den Monaten März, April und Mai 1874 Eisenstein aus der Grube Antonsfund in regelmäßigen Fuhren zur Leopoldhütte zu transportieren. Ein Liefervertrag über Eisenstein kam 1874 auch mit der Grubengewerkschaft der Gemeinde Tringenstein zustande.
Seifert hat aus den Angaben über Kokslieferungen von 3.000 t pro Jahr errechnet, dass an einem Arbeitstag (bei 25 Arbeitstagen pro Monat) 10 t Koks, 25 t Eisenerz und 2,5 t Zuschläge benötigt wurden. Aus der Bauzeichnung der Hütte und aus dem Brandkataster der Stadt Haiger von 1865 geht hervor, dass zum regelmäßigen Transport dieser Mengen auf die Gichtbühne eine "Auffahrt zur Gicht" von 90 Fuß (d.h. m) Länge vorhanden war, d.h. ein Schrägaufzug, zu dessen Antrieb ein Maschinenturm und ein Kesselgebäude errichtet wurden. Die Zahl der in der Hütte Beschäftigten lässt sich für die Jahre 1873/74 anhand erhaltener Arbeitsverträge nur schätzen. Demnach waren in der Hütte tätig: 2 Schmelzmeister, 4 Maschinenwärter, 10 Möllerarbeiter, 4 Transportarbeiter im Innenbetrieb und 1 Former und Gießer, zusammen also etwa 21 Personen.
Die wirtschaftliche Entwicklung der Hütte war jedoch, trotz der Errichtung eines Dampfkessels und trotz der Kreditaufnahme weniger günstig.Sie geriet, so ist vermutet worden in der sog. Gründerkrach, der zahlreiche Kapitalgesellschaft durch wilde Spekulationen und den Kurssturz nach dem französischen Kriegsentschädigung von 1872/73 in den Ruin trieb. Am 5. Mai 1874 wurde die Hütte mit allem zugehörigen Besitz für rund 207.000 Reichstaler an ein Konsortium aus drei englischen bzw. irischen Investoren verkauft. Aber schon 1876 beauftragten die Eigner einen Dillenburger Rechtsanwalt mit dem Verkauf der Hütte, der aber erst 1882 zustande kam, als die Siegener Firma H. Fölzer Söhne die Hütte für 37.500 Reichsmark übernahm. Die Käufer, die Brüder Fölzer, benannten die Leopoldhütte nach ihrer kurz zuvor verstorbenen Mutter in Agnesenhütte um.

Objektinformationen

Sparte: Eisen, Stahl und Metalle

Funktion: Eisenhütte, Gießerei

Nutzungszeit:

Zustand: nicht erhalten

Denkmalschutz: nein

Haigerer Hütte (Agnesenhütte) um 1910
Haigerer Hütte (Agnesenhütte) um 1910

Lage und Zugänglichkeit

Adresse: keine

Lage: etwa an der Stelle von Hansastraße 10

(heute Spedition Kühe & Nagel)

Zufahrt:

Zugänglichkeit: nicht zugänglich


Bilder


Abbildungen: (1) Keßler, Tausendjahr-Feier der Stadt Haiger

Literatur

  • Seifert, Gerhard: Die Leopoldhütte bei Haiger. In: Haigerer Geschichtsblätter 11, 1993, Nr. 28, S. 28-50.
  • Immel, Otto: Der Hammerschlag eines dillenburgischen Eisenhammers. In: Heimatjahrbuch für den Dillkreis, Bd. 16, 1973, S. 115-137.

  • Gerlach, Georg: Die wirtschaftliche Entwicklung des Eisenhüttenwesens an der Lahn und Dill im 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte (Tübinger staatswissen-schaftliche Abhandlungen; 14), 1911, S. 49.

  • Keßler, Johannes Nikolaus. In: Tausendjahr-Feier der Stadt Haiger, am 14. bis 16. Juni 1014, bearb. von Carl Dönges, 1914.

Web-Informationen:

Bearbeiter/in: Otto Volk