Biedenkopf, Spinnerei Weigel

Die Wollspinnerei Weigel in Biedenkopf geht auf eine von der städtischen Tuchmacherzunft 1853/56 gegründete Spinnerei zurück. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts im traditionellen Wolltuchmachergewerbe in Biedenkopf noch mehr als 140 Meister tätig waren, die handwerklich Tuch für den regionalen und überregionalen Markt herstellten, gab es um 1850, v.a. wegen der technisch fortgeschrittenen Konkurrenz aus England und anderen Regionen, nur noch neun Wolltuchmacher in der Stadt. Zur Sicherung ihrer Betriebe errichteten sie ab 1853 eine gemeinsame Wollspinnerei, wozu sie von der großherzoglichen Regierung in Darmstadt am 18. Juli 1853 ein zinsloses Darlehen von 10.000 Gulden erhielten. Die Zunft verpflichtete sich im Vertrag, "auf ihrem bei ihrer Walkmühle gelegenen Grundstück eine aus zwei Assortimenten bestehende Woll-Spinnerei" neu zu errichten und dafür den Walkbau und andere Gebäude abzureißen. In den Neubau sollten, neben den für das Walken und Aufrauhen der Tuche erforderlichen Einrichtungen, auch die Spinnmaschinen aufgestellt werden. Zu den beteiligten sieben Zunftmitgliedern, die gegenüber dem Staat auch mit ihrem Privatvermögen hafteten, gehörte u.a. der Meister Ludwig Weigel I, der Vater des späteren Eigentümers Theodor Weigel. Der Vertrag trat am 23. August 1853 in Kraft. Da die Darlehenssumme von 10.000 Gulden zur Einrichtung der Spinnerei nicht ausreichte, erhöhte das Großherzogtum den Kredit schon im folgenden Jahr um weitere 4.000 Gulden.

 

Im Herbst 1856 ging die Spinnerei in Betrieb, wurde von den beteiligten Wolltuchmachern aber schon 1859 für 1.000 Gulden im Jahr an den Straminfabrikanten Heinrich Theek aus Eppstein im Taunus verpachtet, wobei sich die Zunft Sonderkonditionen für Aufträge ihre Zunftmitglieder vorbehielt. Nachdem man schon 1862 den Pächter wegen schlechter Qualität seiner Produkte, Vernachlässigung der Maschinen und Zahlungsverzug unter Hinnahme von Verlusten gekündigt hatte, wurde die Spinnerei 1864-1876 von dem Spinnmeister Ludwig Limper und dem Walkmüller Münscher im Auftrag der Zunft erfolgreich geführt.

Nach dem Übergang des Hessischen Hinterlands an das Königreich Preußen (1867) und der Auflösung der Zünfte trat eine Spinnereigesellschaft an die Stelle der Tuchmacherzunft. Seit 1870 betrieb die Firma "Philipp Plack, Jacob Dreher & Co. OHG" Spinnerei und Walkerei.

 

1878 wurde Theodor Weigel, der Sohn des Mitbegründers Ludwig Weigel I, geschäftsführender Gesellschafterder Firma "Frohnhäuser & Co" . Am 8. April 1889 kaufte Theodor Weigel für 36.000 Mark alle Anteile und führte die Spinnerei seitdem als sein eigenes Unternehmen. Weigel nahm umfangreiche technische Modernisierungen des Betriebs in Angriff. Da die Wasserkraft der Lahn nicht mehr ausreichte wurde eine Wolfsche Lokomobile (1) erworben und eingesetzt, deren Abdampf man zugleich zur Heizung der Fabrikräume verwendete. Weigel erwarb außerdem "eine moderne Zwirnmaschine, einen Zweikrempelsatz, einen Selfaktor sowie Wolf und Haspel und ließ die erste elektrische Anlage in Biedenkopf installieren, so dass schon am 5. Oktober 1892 das erste elektrische Licht die Fabrikräume beleuchtete.

 

Nach dem Tod Theodor Weigels übernahmen seine Söhne Ludwig und Karl den Betrieb, der erste wie sein Vater Tuchmachermeister, der andere als Absolvent des Textiltechnikums in Reutlingen Spinnerei- und Turbinentechniker. Die neuen Eigentümer konnten 1902 die benachbarte Untermühle kaufen, deren Besitzer sich bisher gegen eine Vertiefung des gemeinsam genutzten Mühlgrabens und damit eine Erhöhung des Gefälles gewehrt hatten. 1903/04 konnte so am Mühlweg eine Turbinenanlage mit einer Leistung von 15 kH errichtet werden, die einzelne Haushalte in Biedenkopf seit 1904 mit Strom versorgte. 1911 wurden die Produktionsanlagen durch einen Erweiterungsbau und neue Maschinen weiter verbessert.

Die positive Entwicklung der Wollspinnerei wurde durch die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg massiv unterbrochen, so dass die Inhaber 1925 vor einem Neuanfang ihres Unternehmens standen.

Im Adreßbuch der Wollen- und Baumwollen-Industrie Europas von 1929/30 wird die Firma verzeichnet als "Theodor Weigel, Wollspinnerei und Strickerei, Reinwollene Strick- und Webgarne, Strümpfe, Socken, Jacketts, Jumpers. 1200 Spindeln, 60 Zwirnspindeln, 15 Strickmaschinen. Gegr. 1853, 40 Arbeiter, Dampfkraft 60, Wasser 40, elektr. 20 PS". (2)

 

1930 erhöhte man die Stromgewinnung durch neue Turbinen und einen 30 kW-Generator. 1927 trat Theo Weigel jun., der Sohn Ludwig Weigels II, als persönlich haftender Gesellschafter in die Firma ein. Er starb 1953 an den Folgen seiner Verwundungen aus beiden Weltkriegen, fünf Jahren nach seinem Vater. Die Leitung der Firma lag damit alleine bei Karl Weigel. 1963 musste die Wollspinnerei Weigel ihren Betrieb einstellen.

 

(1) Sehr wahrscheinlich eine Lokomobile der Firma R. Wolf Aktiengesellschaft in Magdeburg-Buckau  (freundlicher Hinweis von Albert Gieseler, Mannheim).

(2) Adreßbuch der Wollen- und Baumwoll-Industrie Europas 1, 1929/30, S. 93 (freundlicher Hinweis von Albert Gieseler, Mannheim).

Objektinformationen

Sparte: Verarbeitende Industrie /

Funktion: Wollspinnerei

Nutzungszeit: 1856 - 1963

Zustand: unklar

Denkmalschutz: nein


Lage und Zugänglicheit

Adresse: Mühlweg 16, Biedenkopf

Lage:

Zufahrt:

Zugänglichkeit:


Bilder


Informationen und Hinweise: Albert Gieseler, Mannheim

Abbildungen: (1) Hinterländer Geschichtsverein, Sammlung Max Stephani, Foto Nr. 1216 (Ausschnitt); (2) Topographische Karte 1:25.000, Blatt Biedenkopf, Ausgabe 1891.

Literatur:

Web-Informationen: 

Bearbeiter/in: Otto Volk